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Dossier Islam - Aus Tichys Einblick - Peter Christian Nowak - 20.04.2016

Hamed Abdel Samad ist ein bekannter Islamkritiker, dessen Stimme erstaunlicherweise auch in den Mainstream-Medien Gehör findet. Seine differenzierten Ausführungen berühren und überzeugen. Seine Bücher werden gelesen. Er gehört zu denen, die sich eine Zeit der Aufklärung für den Islam wünschen. Dass er in konservativen islamischen Kreisen unter Kritik steht und sich nur unter Polizeischutz in der Öffentlichkeit bewegen kann, verwundert nicht. Was verwundert ist, dass ihn in Deutschland viele Personen des öffentlichen Lebens ignorieren, ihm nicht folgen wollen. Sein Mitstreiter Abdel-Hakim Ourghi schreibt: “Niemand verteidigt heutzutage den Islam und die Muslime heftiger als westliche Konvertiten und Religionsdialog-Amateure. Der Islam braucht aber keine uninformierten Rechtsanwälte. Wir Muslime sollten keine Angst vor Kritik haben, denn fundierte Islamkritik bedeutet nicht Ablehnung unserer Religion, sondern ist eine emanzipatorische und herrschaftskritische Notwendigkeit. Ein Islam ohne mutige Islamkritik ist zum Scheitern verurteilt – vor allem im Westen. Denn hier herrscht Religionsfreiheit, und dazu gehört nicht nur wechselseitige Toleranz, sondern auch Selbstkritik. Wir benötigen dringend ehrliche Kritikerinnen und Kritiker des Islams, die den Finger in die Wunde des historischen Verdrängens legen.”  

Aus "Der Islam und sein Stillstand" von Ingrid Ansari, Beitrag zuerst erschienen in Tichys Einblick

Ingrid Ansari war Dozentin am Goethe-Institut.


Der Islam und sein Stillstand

Die Islam-Debatte hat Fahrt aufgenommen. Der Islam als Offenbarungs- und Gesetzesreligion durchdringt alle Lebensbereiche. Was heißt es, wenn von den hier lebenden Muslimen verlangt wird, diesen Anspruch aufzugeben und in die Reihen der Konfessionen, in die Privatheit zurückzutreten? Fragt Ingrid Ansari.

Dan Diner ist Historiker und lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem und an der Universität Leipzig. 2005 erschien sein Buch “Versiegelte Zeit – Über den Stillstand in der islamischen Welt”. Er untersucht darin “die ökonomischen, kulturellen und politischen Ursachen der Stagnation dieses einst blühenden Kulturraums” (gemeint sind vor allem die arabischen Kernländer), so steht es auf dem Klappentext. Ein aufschlussreiches Buch – ein paar Jahre sind vergangen, seit ich es gelesen habe. Aber – wie es mit Büchern mit herausforderndem, komplexem Inhalt manchmal so geht – ist es mir immer mal wieder in den Sinn gekommen. Besonders in den letzen Monaten fiel es mir vermehrt ein – also seit sich Menschen wie auf geheimen Knopfdruck zu uns in Bewegung gesetzt haben, wir tagtäglich mit der “Flüchtlingskrise” konfrontiert sind und  immer wieder ratlos vor Tabus stehen, die unserer grundgesetzlich garantierten freien Meinungsäußerung den Weg versperren wollen.
Gedanken über den Stillstand in der islamischen Welt
Es ist nicht möglich, den Inhalt des Buches hier bei seinem Gang durch die Geschichte, in all seinen mannigfaltigen Facetten und weiterführenden Überlegungen darzulegen. Ich möchte deshalb nur einen der Hauptgedanken von Dan Diner vorstellen. Vorausgeschickt sei, dass er sich der oft geäußerten These, nach der die Rückständigkeit ausschließlich im Westen und der kolonialen Erfahrung und nicht im Islam selbst  begründet ist, nicht anschließt. Folgendes führt er dazu aus:
Der Islam ist eine Offenbarungs- und Gesetzesreligion. Sie durchdringt (bis in die intimsten Winkel) alle Lebensbereiche nach Maßgabe der ewig geltenden, sakrosankten Gebote und Verbote des Koran und der außer-koranischen Lehre des Propheten, der Sunna.  Die Zeit steht durch diese Fixierung still; sie ist “versiegelt”. Es fehlt die individuelle Gedankenfreiheit, die ein stetiges Fortschreiten erst möglich macht. Denn Geschichte ereignet sich als Entwicklung, als ein Prozess ständigen Wandels durch Wissenserwerb – als Hinterfragung des jeweils Erreichten; als ein Darüber-hinaus-Gehen. Kreativität kann sich nur entfalten, wenn keine Zensur herrscht. Die islamische bildende Kunst ist so z.B. auf Architektur, Kalligrafie, Glaskunst und Keramik, Teppichknüpfen beschränkt. Die Ausübung von Musik ist nicht erwünscht. Unter solchen Zwängen leiden alle im Namen einer Ideologie geführten Gemeinwesen. Auch sozialistische Staaten.
Säkularisierung versus Gottesstaat
Während der gläubige Muslim nicht Herr über seine Entscheidungen ist, sondern Allah allein über sein Schicksal bestimmt, hat die Säkularisierung in Europa die Bindungen an eine übergeordnete Religion gelöst; sie ist nunmehr  der Privatsphäre zugeordnet. Privatsphäre und Öffentlichkeit treten auseinander und geben Räume für die freie Entfaltung im Gemeinwesen frei. Während im Christentum von Beginn an die Spaltung schon angelegt ist: “So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!” (Matthäus 22,21), spricht der Islam von allumfassender Einheit aller Lebensbereiche unter den Geboten der Scharia. Der Konflikt der Christenheit im Mittelalter, wem man folgen soll, dem Kaiser oder dem Papst, ist also dem christlichen Glauben inhärent. Diner schreibt: “Beide Autoritäten ringen in der Brust des Zweifelnden um Zustimmung. Und nur für einen von beiden kann er sich entscheiden. So ist die Geburt der Freiheit Ausdruck eines tiefen inneren Zerwürfnisses. Sie ist Ergebnis von Zweifel und Verzagtheit der Person […] Und in diesem Konflikt ist der Einzelne mit sich allein gelassen. Nur das aus einem Zwiespalt geborene Gewissen mag Orientierung gewähren – Irrtum eingeschlossen.” (S.98) Freiheit bedeutet somit auch eine für die westliche Moderne charakteristische Entfremdungserfahrung.
Islamkritiker
Der Islam, der sich als letzte und ultimative Offenbarung Gottes versteht, musste sich von den anderen zwei aus derselben Quelle entsprungenen Weltreligionen scharf distanzieren. Umso krasser steht seinem Selbstbild als Anhänger einer überlegenen religiösen Gemeinschaft nun die Realität der Errungenschaften der westlichen Welt vor Augen. In dem Fall gibt es nur zwei Möglichkeiten: sich abzukapseln oder sich anzunähern versuchen. In einem Artikel der “taz” vom 8.9.2009 “Ich bin zum Wissen konvertiert” schildert der Politikwissenschaftler Hamed Abdel Samad seinen unglaublich mühsamen und schmerzlichen Weg der Ablösung, an dem man ablesen kann, wie groß die Kluft ist, die es zu überwinden gilt.
Hamed Abdel Samad ist ein bekannter Islamkritiker, dessen Stimme erstaunlicherweise auch in den Mainstream-Medien Gehör findet. Seine differenzierten Ausführungen berühren und überzeugen. Seine Bücher werden gelesen. Er gehört zu denen, die sich eine Zeit der Aufklärung für den Islam wünschen. Dass er in konservativen islamischen Kreisen unter Kritik steht und sich nur unter Polizeischutz in der Öffentlichkeit bewegen kann, verwundert nicht. Was verwundert ist, dass ihn in Deutschland viele Personen des öffentlichen Lebens ignorieren, ihm nicht folgen wollen. Sein Mitstreiter Abdel-Hakim Ourghi schreibt: “Niemand verteidigt heutzutage den Islam und die Muslime heftiger als westliche Konvertiten und Religionsdialog-Amateure. Der Islam braucht aber keine uninformierten Rechtsanwälte. Wir Muslime sollten keine Angst vor Kritik haben, denn fundierte Islamkritik bedeutet nicht Ablehnung unserer Religion, sondern ist eine emanzipatorische und herrschaftskritische Notwendigkeit. Ein Islam ohne mutige Islamkritik ist zum Scheitern verurteilt – vor allem im Westen. Denn hier herrscht Religionsfreiheit, und dazu gehört nicht nur wechselseitige Toleranz, sondern auch Selbstkritik. Wir benötigen dringend ehrliche Kritikerinnen und Kritiker des Islams, die den Finger in die Wunde des historischen Verdrängens legen.”  
Woran die so genannte Islamdebatte krankt
Ist uns unsere eigene Geschichte vor der Nazizeit so abhanden gekommen, dass diese “uninformierten” Islamverteidiger so große Unterstützung finden? Dass viele sich nicht mehr auf unsere eigenen großen kulturellen Errungenschaften berufen wollen? Und wenig informiert sind sie wirklich, diese Verteidiger. Frau Klöckner war z.B. bass erstaunt darüber, dass ihr ein Imam nicht die Hand geben wollte. Das zeugt von einem grundlegenden Unwissen. Selten wird das zugegeben; es herrschen Dilettantismus und Moralismus, und es wird so getan, als wären die Grundlagen einer Islam-“Debatte”, die man führt, überhaupt schon geklärt. Wahrscheinlich schlägt hier wieder mal massiv die Ideologie der Linken durch, die “gleiche Rechte” mit Gleichmacherei verwechseln.

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Ich denke, an den oben ausgeführten Überlegungen lassen sich die Unvereinbarkeiten und Konsequenzen der so unterschiedlichen Gedankenwelten des Islams und des Westens ermessen. Es ist an der Zeit, den mutigen Islamkritikern und Kennern gut zuzuhören und sie zu unterstützen, wenn sie unsere von ihnen so geschätzten Errungenschaften der Aufklärung, also unsere individuelle Freiheit im Rahmen der Gesetzesvorgaben vehement verteidigen. Solange keine Kritik am Islam erlaubt ist, es keine Forderung nach Eigenverantwortung und auch keine Konsequenzen aus Fehlverhalten gibt (z. B. durch Geld-Sanktionen oder auch härtere Urteile wie Ausweisungen), solange wird unsere unterwürfige Haltung als Schwäche angesehen und ausgenutzt werden. Sind wir zu einer derart gesichtslosen Gesellschaft geworden?  Es ist an der Zeit, Flagge zu zeigen und klar und unmissverständlich für die Errungenschaften unserer Kultur einzustehen!

Zusammenfassung
Die Präsenz des Islams in unserer christlich säkularisierten Welt stellt Europa vor die Herausforderung, inwieweit unser Jahrhunderte altes säkularisiertes System wirklich standhalten kann, sagt Dan Diner. Wir sind daran gewöhnt, dass Religion in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung tritt. Nun aber haben wir es mit einer Religion zu tun, die die Privatheit ganz und gar nicht beachtet und seit Jahren mit ihren Forderungen mehr und mehr in den öffentlichen Raum drängt. Wobei sich unsere christlichen Kirchen, denen es ganz recht zu sein scheint, dadurch wieder mehr in Erscheinung zu treten, naiv an ihre Seite stellen und glauben, als Partner angesehen zu werden. Der Islam ist ein Gefüge von Ethik, Lebensformen, Rechtprinzipien und Institutionen. Was heißt es, wenn nun von diesen Menschen verlangt wird, diesen Anspruch aufzugeben und in die Reihen der Konfessionen zurücktreten. Ob und wie auf diesem Hintergrund die viel beschworene Integration gelingen soll, wird uns nicht mitgeteilt, geschweige denn, dass dies schon angepackt worden wäre. Um noch einmal Dan Diner zu zitieren: “Der Islam ist unsere eigene Frage als Gestalt.”